Kategorie: Zahlen, Daten, Fakten

Deutsche sprechen ungern über Kredite

Über Geld spricht man nicht – schon gar nicht über das, was man sich geliehen hat. Die Deutschen gelten seit jeher als verkrampft, wenn es um Gespräche über Geld geht.
Junge Frau hält sich den Mund zu, Tabuthema

 

Dabei sind Kredite offenbar ein besonders großes Tabuthema. Mit 45 Prozent spricht nicht einmal jeder zweite Deutsche offen über seine Schulden. Dies bestätigt eine von der Postbank in Auftrag gegebenen Umfrage zum Thema Schulden des Meinungs- und Marktforschungsinstitut TNS Emnid.

Jeder tut’s, aber niemand spricht darüber

Dabei ist die Aufnahme von Krediten auch in Deutschland längst Normalität: Mehr als zwei Drittel aller Bundesbürger haben bereits mindestens einmal im Leben ein Darlehen aufgenommen. Vor allem Immobilien- und Baufinanzierungen sind weit verbreitet – 35 Prozent der Deutschen haben diese Darlehensart bereits genutzt. Zu überraschen vermag dies kaum – schließlich dürften die wenigsten die beträchtlichen Kosten für die eigenen vier Wände komplett vom Ersparten zahlen können. Doch auch die Nutzung von Ratenkrediten (30 Prozent) oder dem Dispokredit (28 Prozent) ist ähnlich weit verbreitet.

Insbesondere in den Köpfen der älteren Deutschen scheint Geld und besonders Schulden noch fest als Tabuthema verankert zu sein. Bei den Befragten über 60 Jahren sprachen nicht einmal 35 Prozent über ihre Schulden – für knapp zwei Drittel in dieser Altersgruppe ist das Thema also immer noch ein absolutes No-Go. Die jüngeren Deutschen gehen das Thema Geld bereits ein wenig gelassener an: Unter den 30- bis 39-Jährigen nehmen immerhin 61 Prozent kein Blatt mehr vor den Mund, wenn es um das Thema Schulden geht. Ein Unterschied existiert auch zwischen den Geschlechtern. Männer gehen etwas offensiver mit ihren Verbindlichkeiten um als Frauen, von denen nur rund 40 Prozent über ihre Schulden sprechen. Bei männlichen Schuldnern sind es knapp 49 Prozent.

Scham als Grund für das Verschweigen von Schulden

Menschen werden dem Wirtschaftspsychologen Erich Kirchler zufolge in unserer Gesellschaft zu einem nicht unerheblichen Teil auch über ihr Vermögen definiert. Wer über Geld verfügt, wird als handlungsfähig betrachtet. Daher verwundert es nicht, dass so viele Deutsche lieber Stillschweigen über ihre Schulden bewahren. Wie wichtig Geld für den gesellschaftlichen Status ist, lässt sich auch daran ablesen, dass sich Menschen mit geringem Einkommen für ihre Verbindlichkeiten schämen. Jeder Dritte mit einem monatlichen Haushaltseinkommen von unter 1.000 Euro äußerte dies. Menschen, die finanziell solide ausgestattet sind, ist es hingegen deutlich weniger unangenehm, wenn Sie für größere Ausgaben einen Kredit benötigen. Offenbar ist ihr gesellschaftlicher Status so gesichert, dass nur vier Prozent der Befragten mit einem Haushaltsnettoeinkommen von mehr als 4.000 Euro angaben, sich für ihre Schulden zu schämen. Insgesamt sind 14 Prozent der Deutschen ihre Schulden unangenehm.

Trotz günstiger Kredite Angst vor einer Schuldenspirale

Neben der Scham ist offenbar auch die Angst, in eine unüberwindbare Schuldenfalle zu tappen, in der deutschen Seele tief verankert. Insgesamt fürchten 42 Prozent der Deutschen, ihre Schulden nicht mehr loszuwerden. Besonders ausgeprägt ist diese Angst mit rund 57 Prozent bei Haushalten mit einem monatlichen Einkommen von unter 1.000 Euro und in der Altersgruppe der 30- bis 39-Jährigen mit 55 Prozent. Am wenigsten fürchteten sich Befragte zwischen 50 und 59 Jahren davor, durch Kredite in eine Schuldenspirale zur geraten. Doch selbst hier war es immerhin noch knapp ein Drittel, das diese Befürchtung äußerte.

Dabei ist den Verbrauchern durchaus bewusst, dass Kredite angesichts der anhaltenden Niedrigzinsphase derzeit zu historisch günstigen Konditionen zu haben sind. Ein Viertel der Befragten gab an, aufgrund der niedrigen Zinsen einen Kredit aufgenommen zu haben. Weitere 37 Prozent könnten sich vorstellen, aus diesem Grund einen Kredit aufzunehmen, und 16 Prozent würden aufgrund der Niedrigzinsen ihren Kredit erhöhen. Die Angst vor der Schuldenfalle scheint also in vielen Fällen nur eine theoretische zu sein. Denn nur gut ein Viertel der Befragten gab an, prinzipiell keinen Kredit aufnehmen zu wollen.

Zurück

Service

schließen